September 2015

 

 

Neue Ergebnisse zeigen: Nicht alle Transfettsäuren sind schlecht

 

Winfried März



Neue Forschungsergebnisse zeigen, dass niedrige Spiegel von Transfettsäuren (TFS) wohl nicht schädlich sind, wie früher gedacht, selbst wenn sie aus der industriellen Lebensmittelproduktion kommen, und sogar günstig sein können, wenn es sich um TFS handelt, die natürlicherweise in Lebensmitteln wie Milchprodukten und Rindfleisch vorkommen. Das zeigt eine Studie von Wissenschaftlern aus Mannheim und München, die heute im European Heart Journal erscheint [1].

In der Lebensmittelindustrie entstehen TFA bei der Hydrogenierung von Fett, was eingesetzt wird, um Öle weniger dünnflüssig zu machen. TFA werden Lebensmittelprodukten wie Kuchen oder Keksen beigemischt, oder beim Frittieren verwendet. Es ist bekannt, dass hohe Spiegel von industriell produzierten TFA in der Ernährung Cholesterin erhöhen und zu Erkrankungen des Herzens, Schlaganfall und Diabetes mellitus führen können. Sie sollen sogar unfruchtbar machen, und im Zusammenhang mit  Demenz und bestimmten Krebsarten stehen. In den USA sind Maßnahmen ergriffen worden, um die Mengen industriell produzierter TFA in der Ernährung zu vermindern. In weiten Teilen Europas war die Aufnahme dieser TFA eher gering. Bisher war es allerdings nicht klar, ob es eine sichere Konzentration dieser TFA für den Menschen gibt, und ob es Unterschiede zwischen en TFA aus der Lebensmittelproduktion und den natürlichen TFA gibt.

Deutsche Wissenschaftler um Dr. Marcus Kleber, der an der V. Medizinischen Klinik der Medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg arbeitet, haben die Spiegel der TFA in roten Blutkörperchen von Teilnehmern der „LUdwigshafen RIsk and Cardiovascular Health“ Studie (LURIC) gemessen. LURIC hat zwischen 1997 und 2000 insgesamt 3316 Personen aus Süd-West Deutschland eingeschlossen, nachdem sie stationär wegen des Verdachtes auf eine Herzerkrankung einer Koronarangiographie unterzogen worden waren; 3259 Personen gingen in die Auswertung ein. Während der Nachverfolgung von im Mittel knapp über 10 Jahren verstarben 975 (30%) dieser Personen.

Die Wissenschaftler analysierten Blutproben dieser Personen, um die Konzentration aller TFA zu erfassen, aber unterschieden auch zwischen den Konzentrationen der TFA aus der Lebensmittelproduktion und der natürlichen TFA. Die Messergebnisse wurden in Beziehung gesetzt mit den Todesfällen, Todesursachen, Krankengeschichte und anderen Faktoren, die Einfluss auf die Ergebnisse haben könnten, wie Einnahme von Cholesterin-Senkern, oder Risikofaktoren wie Rauchen, Mangel an Bewegung, body mass index (BMI), Diabetes mellitus und hohem Blutdruck.

Dr Kleber sagte: “Höhere Konzentrationen von TFA in den roten Blutkörperchen gingen einher mit höherem LDL, dem schlechten Cholesterin, allerdings auch mit einem niedrigeren BMI, niedrigeren Triglyceriden, weniger Insulinresistenz, und deshalb einem niedrigeren Diabetesrisiko. Es hat uns überrascht, dass natürliche TFA mit einer niedrigeren Gesamt-Sterblichkeit verbunden waren, was vor allem durch ein niedrigeres Risiko für den plötzlichen Herztod bedingt war.“
Dr. Kleber fuhr fort: „Wir hatten auch nicht damit gerechnet, dass höhere Konzentrationen der industriell produzierten TFA nicht mit einer erhöhten Gesamt-Sterblichkeit verbunden waren. Unsere Ergebnisse stehen im Widerspruch zu den Ergebnissen aus den USA. Der Grund dafür ist wahrscheinlich, dass die Spiegel der TFA unserer deutschen Studienteilnehmer insgesamt deutlich niedriger waren, als man sie in den USA gefunden hat. Praktisch niemand hatte so hohe Spiegel, wie sie in den USA üblich waren.“

Der Anteil der TFA in den roten Blutkörperchen der Studienteilnehmer lag zwischen 0,27 und 2,40% der Gesamtfettsäuren, im Durchschnitt knapp unter ein Prozent. Aus den USA wurde zu einer vergleichbaren Zeit ein Mittel von über 2,6% festgestellt.


Die Studienteilnehmer wurden in drei Gruppen geteilt: diejenigen mit der höchsten Konzentration an natürlichen TFA (über 0,3%) hatten im Vergleich zu den Studienteilnehmern mit den niedrigsten Konzentrationen ein um 37% niedrigeres Risiko für den plötzlichen Herztod (nach Adjustierung für verschiedene Faktoren, die Einfluss auf das Ergebnis haben könnten). Die Ergebnisse für sonstige Assoziationen zwischen Gesamt-TFA, TFA aus der Lebensmittelproduktion oder natürlichen TFA und Tod waren zumeist nicht signifikant (nach Adjustierung für die genannten Faktoren).

Dr Kleber stellt fest: “Unsere Ergebnisse zeigen, dass die niedrigen Spiegel von TFA aus der Lebensmittelproduktion, die wir in LURIC gefunden haben, kein Risiko für die Gesundheit darstellen, und deshalb als sicher betrachtet werden könnten. Wir haben auch gefunden, dass die trans-Palmitoleinsäure (eine natürlicherweise in Milch und Fleisch von Wiederkäuern vorkommende TFA) mit besseren Blutzuckerspiegeln sowie  und mit weniger Todesfällen jedweder Ursache einhergeht, insbesondere aber mit weniger plötzlichem Herztod.“

„Frühere Forschung hat ergeben, dass der Verzehr von TFA in den Ländern Europas sehr unterschiedlich ist [2]. In mediterranen Ländern wird mehr Olivenöl verwendet, während in nördlicheren Ländern eher hydrogenierte pflanzliche Öle verwendet werden. Deshalb enthält die Ernährung in den mediterranen Ländern weniger TFA als in nördlichen Ländern Europas. Allerdings ist der Verzehr von TFA in einigen Ländern Osteuropas hoch, wie auch in einigen Entwicklungsländern. Leider hat das Erfassen der Aufnahme von Ernährungsbestandteilen viele Unsicherheiten, denen wir durch die Analyse der Spiegel in den roten Blutkörperchen entgehen konnten. Unsere Daten unterstützen diesen neuen Ansatz und zeigen, dass man zwischen natürlichen TFA und TFA aus der Lebensmittelproduktion unterscheiden muss.“ 

LURIC wird von Professor Winfried März, Mannheim, geführt. Dr. Kleber sagte, dass LURIC wegen der langen Nachbeobachtung und der detaillierten Information zu den Teilnehmern eine wichtige epidemiologische Studie ist. „Unsere Ergebnisse waren nur möglich, weil wir LURIC mit einer spezifischen Methode zur Analyse von Fettsäuren in roten Blutkörperchen kombinieren konnten. Die Fettsäurezusammensetzung roter Blutkörperchen schwankt nur gering. Zudem hat die spezifische analytische Methode, die im Labor von Professor Clemens von Schacky, München,  etabliert ist, eine geringe Variabilität in den Messungen. Wir glauben, dass wir in Zukunft noch mehr zum Zusammenhang von Fettsäuren und ihrer Bedeutung für die Gesundheit sagen können.

Hinweise:

[1] “Trans Fatty Acids and Mortality in Patients referred for Coronary Angiography - The Ludwigshafen Risk and Cardiovascular Health Study”, by Marcus E. Kleber, Graciela E Delgado, Stefan Lorkowski, Winfried März, and Clemens von Schacky. European Heart Journal. doi:10.1093/eurheartj/ehv
[2] Craig-Schmidt MC. World-wide consumption of trans fatty acids. Atheroscler Suppl. 2006;7(2):1-4.
and
Hulshof KF, van Erp-Baart MA, Anttolainen M, Becker W, Church SM, Couet C, et al. Intake of fatty acids in western Europe with emphasis on trans fatty acids: the TRANSFAIR Study. Eur J Clin Nutr. 1999;53(2):143-57.


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