ARD-Beitrag über Cholesterinzielwerte der ESC/EAS:
Einseitige Berichte über Cholesterin-Zielwerte verunsichern Patienten

Immer wieder flammt in der Öffentlichkeit die Diskussion darüber auf, wie niedrig die Cholesterinwerte sein sollten, damit Herz und Gefäße gesund bleiben. Viele Ärzte kennen daher das Phänomen, dass die Compliance der Patienten sinkt, wenn Medien berichten, dass nur die Pharmaindustrie von gesenkten Cholesterinwerten profitiert. Zum großen Bedauern des Vorstandes der D•A•CH-Gesellschaft Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen wurde ein solcher einseitiger Bericht von der ARD, einem öffentlich-rechtlichen Sender, Anfang Juni dieses Jahres im Magazin PlusMinus ausgestrahlt. Thema der Sendung waren die neuen Zielwertempfehlungen für LDL-Cholesterin, die in den gemeinsamen Leitlinien der Europäischen Gesellschaften für Kardiologie (ESC) und Atherosklerose (EAS) festgehalten sind.

Zielwerte werden entsprechend des Risikos der betroffenen Menschen festgelegt
Änderungen der Leitlinien wie die Aufnahme oder Absenkung von Zielwerten, erfolgen grundsätzlich erst nach intensiven interdisziplinären Diskussionen mit Wissenschaftlern und nachdem sämtliche aktuelle Publikationen geprüft wurden. Medizin ist nicht schwarz und weiß, weshalb Vor- und Nachteile einer Behandlung stets sorgfältig gegeneinander abgewogen werden müssen. Die Sachlage ist auch bei der LDL-Cholesterinsenkung komplex.

Die Tatsache, dass LDL-Cholesterin ein kausaler Risikofaktor für die Atherosklerose und damit z. B. für das Herzinfarktrisiko ist, ist unumstritten. Wahrscheinlich gibt es kaum ein Gebiet bzw. Sachverhalt in der Medizin, dass seit 40 Jahren so gut beforscht und belegt ist. Es ist zudem belegt, dass eine Absenkung des LDL-Cholesterins durch Medikamente, das relative Risiko senkt. Das individuelle Risiko und damit auch der Nutzen für den Einzelnen hängt von seinem Risiko inkl. Begleiterkrankungen etc. ab. Deswegen werden Risiko-bezogene – und damit unterschiedliche – Zielwerte empfohlen.

Appell an die Betroffenen:
• Falls Sie Fragen haben oder verunsichert sind, halten Sie Rücksprache mit Ihrem Arzt.
• Bitte ändern Sie nicht ohne vorherige Rücksprache mit Ihrem behandelnden Arzt oder Kardiologen, Diabetologen, Nephrologen oder Lipidspezialisten Ihre Cholesterin-senkende Medikation.

Ein Absetzen dieser Medikation kann das Herzinfarktrisiko erhöhen (1, 2).

Prof. Dr. Winfried März
Prof. Dr. Ulrich Laufs
Prof. Dr. Dirk Müller-Wieland
Für den Vorstand der D•A•CH-Gesellschaft Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen e. V.

Quellen:
(1) Negative statin-related news stories decrease statin persistence and increase myocardial infarctionand cardiovascular mortality: a nationwide prospective cohort study.
Nielsen SF, Nordestgaard BG. Eur Heart J. 2016 Mar 14;37(11):908-916.
DOI: 10.1093/eurheartj/ehv641

(2) Cardiovascular effect of discontinuing statins for primary prevention at the age of 75 years: a nationwide population-based cohort study in France.
Giral P, Neumann A, Weill A, Coste J. Eur Heart J. 2019 Nov 14;40(43):3516-3525.
DOI: 10.1093/eurheartj/ehz458

Nach oben